Donnerstag, erster Finaltag
von Stefan Hoffmann 25.01.2026
Und ob heute groß gewürfelt wird, ich fang gleich mal damit an. Schlechter Start halbrechts, aber immerhin kann ich in der zweiten Reihe sofort wenden. Da vorne ist das Spalier offen, nur noch mit viel Schwung und möglichst knapp beim Australier hintenrum gehen aber genau in dem Moment bleibt der stehen und will zur Wende ansetzen. Mit vollem Schwung erwischt seine hintere Ecke meine Backbord Breitseite. Da habe ich wohl zu knapp kalkuliert. Die Lücke vor mir geht zu, kringeln muss ich auch noch und dann geht das nicht mal über die rechte Seite auf die ich mich noch irgendwie raushungere. Oben komme ich schon jenseits der 30 an und ab dann ist jede weitere Entscheidung falsch. Luvbogen angesetzt und in ein Flautenloch gefahren, Vorwind über rechts auch weniger Wind gehabt, Outer-Loop-Kreuz nach links zum Felsen geheizt und einen Dreher auf die Nase bekommen. Auf dem letzten Vorwind sehe ich vor mir Ossi in einem Pulk eingebaut. Nun gut, das Rennen ist im Eimer, aber das könnte man noch mal versuchen als kleines internes Duell. Ich komme auch gerade noch innen vor ihm um die Leetonne aber die Halse ist ein bisschen halbherzig und richtig nach Luv verteidigen sieht auch anders aus. Ossi wittert die Chance und huscht oben drüber. Auch das noch, das kannst du dir heute Abend an Land wieder anhören. Nun gut, das war jetzt der eine Streicher den man frei hat.
Im zweiten Rennen erhöhe ich etwas das Risiko, der Wind steht links und ich mach mich schon ganz früh auf der linken Startlinienseite breit. Soll hier keiner auf die Idee kommen, ich meine das nicht ernst. Mit einer guten Peilung bin ich auch wirklich hoch und schnell beim Schuss an der Linie. Direkt über mir hat André aber noch eine Spur konsequenter angezogen und kommt sofort mit einer Wende vor dem Feld rüber. Ich zögere eine Spur zu lange und fahr gleich mal krachend in zwei steile Wellen rein. Es dauert eine Weile, bis ich mich davon erhole und weit genug rausziehe zum Wenden. Ich bin ein bisschen zu weit links aber liege wirklich schön über dem Feld. Ganz in Lee ist Andrew Mills schon weit rausgefahren aber bei dem Rest sehe ich Potential.
Auf dem langen Weg nach rechts lässt es dann Jan-Dietmar unter mir mal „etwas laufen“ wie er es später an Land bescheiden beschreibt. Und ich kann euch sagen, wenn Jan-Dietmar es laufen lässt, kannst du dich warm anziehen. Das ist das dritte Mal in der laufenden WM, dass er mich auf der Kreuz sauber nass macht. Ich lege mich schon wieder zu knapp unter die Lay-Line und will nicht hinter zwei Booten durchgehen. Habe ich erwähnt, dass mir das schon mal passiert ist? Zack sind wieder acht Boote drüber gezogen inklusive Charly, André und Ulli. Die Abstände unter den ersten 10 sind schon relativ groß und so komme ich trotz wirklich gutem Speed nur wenige Plätze nach vorne. An der Leetonne hätte ich fast die Überlappung zu André bekommen aber die letzten zwei Wellen erwischt er einfach zu gut.
Auf der Kreuz passiert nicht viel und auf dem letzten Vorwind liefern Nicklas, Charly und ich uns wirklich einen Schlagabtausch auf richtig hohem Vorwind- Niveau. Erst kann ich beiden enteilen und spekuliere sogar noch drauf André vielleicht zu kriegen, aber so ein Schwede gibt nicht schnell auf und Niklas war mal ein Weltklasse-Lasersegler. Auf den letzten 50m werde ich von hinten etwas abgedeckt und er schlüpft durch. André hat sowieso den besseren Winkel auf den letzten 200m und hat sich von uns nicht nach Luv mitziehen lassen. So gehen wir als 4er und 6er ins Ziel und ich mach meinen Frieden damit, ihn bei dieser WM wohl nicht schlagen zu können. Allerdings stellt sich später raus, dass er einen Frühstart hatte. Dann muss das bei mir auch extrem knapp gewesen sein und ich habe einfach Glück gehabt.
Am Ende des Tages gehe ich als achter in den Finaltag. Durch den Streicher und ein gutes Rennen habe ich mich sogar noch verbessert. Ganz vorne hat Andrew mit 1 und 1 dem ganzen Feld den Scheitel gezogen. Da kann man nur den Hut ziehen.
An Land suche ich mir noch den Australier um mich zu entschuldigen und mich nach eventuell zu begleichenden Schäden zu erkundigen. Nach ein bisschen durchfragen stehe ich vor dem Riesenschrank Rob McMillan und muss kurz schlucken. Aber Rob ist der liebste Mensch der Welt, haut mir mit seiner etwa 2kg schweren Riesenpranke auf die Schulter und sagt: „No Problem, this is OK sailing“. Puh, noch mal Glück gehabt.
Michael geht als Führender der Grand Master Wertung in den letzten Tag vor keinem geringeren als Rod Davis. Das wird auch noch ein heißer Tanz und ist schon mal eine richtig starke Leistung bis dahin.
Freitag, zweiter Finaltag
Der Nordwind steht lange durch, gefolgt von einer langen Flaute. Irgendwann kräuselt sich das Wasser aus Süden und mit reichlich Verspätung bietet die Regatta noch mal großes Drama. Natürlich braucht es noch unbedingt ein Leichtwindrennen zum Abschluss. Die Linie liegt klar links bevorteilt und wenn man hochschaut, ist in der Seemitte auch mehr Wind. Die ersten beiden Startanläufe der Goldfleet sind klare Massenfrühstarts mit Gesamtrückruf. Das ganze Feld will ganz in Lee über die Linie und ich breche schon 30 Sekunden vorher den Startanlauf ab und zieh zurück.
Es war von Anfang an mein großer Vorsatz, ich versaue mir die großen Serien nicht mehr mit überflüssigen Frühstarts. Wenn man es Spitz auf Knopf riskiert und beim Schuss mal drüber ist, kann ich damit leben, Künstlerpech und Teil des Spiels. Aber bei offensichtlichen Massenfrühstarts an der Spitze der Beule schon eine Minute vorher auf dem Präsentierteller stehen, das passiert mir nicht mehr.
Der dritte Anlauf sieht vielversprechend aus, die Linie wurde auch etwas neutraler gelegt, aber trotzdem habe ich den Eindruck in meiner Startposition im linken Viertel irgendwie zu hoch an der Linie zu stehen. Beim Blick zurück ca. 1:30 vor dem Start sehe ich, wie die Linie in der Mitte deutlich durchhängt. Da fährst du hin, eine Peilung hast du und dann ziehst du 15 Sekunden vorher an und bist mit im Spiel. Aus den 15 Sekunden werden dann doch eher 12 und als ich drei Boote über mir beim Schweden Patric Mure den Großschotblock ratschen höre, weiß ich sofort, jetzt bist du zu spät. Nach links fahren kann ich vergessen mit dem Start und nach rechts werde ich auch nach 100m von einem Freund des Höhe-kneifens abgeklemmt. Immer wieder muss ich mich auf der elendig langen Anliegelinie weiter nach rechts in den freien Wind verholen nur damit 30 Sekunden später wieder einer vor mir wendet. Am Ende des Spiels hat das halbe Feld viel zu viel Überhöhe und irgendwo in den 40ern komme ich frustriert an die Luvtonne.
Na toll, jetzt hast du zwar keinen Frühstart aber dir trotzdem die Serie versaut. Auf dem tiefen Raumgang kann ich die ersten Plätze wieder gut machen und nach den Erfahrungen der letzten Tage fährt das ganze Feld auf dem Vorwind ganz nach links. Ganz vorne sehe ich Jan mit dabei und er hält sich weiter rechts. Der hat doch mehr Druck im Segel als die anderen, oder? Na gut, der Herde hinterherfahren brauchst du hier auch nicht in der Situation. Ich fahre erst auf Steuerbordbug einen Rechtsbogen, komme dann lange auf Backbord perfekt übergeigt mit dem meisten Druck im Feld zurück in die Mitte und mit einer richtig schönen Halse flutsche ich ca. auf Position 20 um die rechte Tonne. Ein kleiner Verholer von 50m und ich habe eine freie Bahn nach Links vor mir. Was soll man machen, wenn man feststeckt im Feld? Man kann nur dahin, wo freier Wind ist.
Und tatsächlich ist das Glück mir hold. Ich sehe schon bei Jan vor mir, wie er am Felsen den Dreher erwischt und fahre bis auf eine Armlänge ans Ufer, erwische einen 20° Dreher und ziehe im freien Wind genau bis zur Tonne hoch. Oben bin ich ungefähr an Position 14 in einem großen Pulk mit richtig guten Leuten. Jetzt kommt es drauf an. Mit insgesamt drei Halsen finde ich genau die freien Spuren mit gutem Druck und fahre immer auf den Drehern. Ein Auge immer auf die Großschotmarkierung um nicht zu offen zu fahren und bloß nicht die Pinne bewegen. Die letzte Halse sitzt und ich komme genau vor einem großen Pulk um die Tonne. Der kurze Raumgang ins Ziel kommt mir ewig vor, aber ich bringe den 11. Platz um einen Meter nach Hause. Jan und Basti fahren ein richtig starkes letztes Rennen unter den schwierigen Bedingungen und sind weit vor mir unter den Top-Leuten aber mein Platz ist gut genug, ich habe mich noch gerettet. Den Rest von uns zerbröselt es ziemlich im letzten Rennen aber in der Gesamtwertung passiert nicht mehr viel unter den ersten 10.
Durch die Verzögerungen erlaubt das Zeitfenster für den spätesten möglichen Start kein weiteres Rennen mehr. Leider verliert Michael mit dem letzten Lauf den Grand Master-Titel, das hätte ich ihm sehr gegönnt. Andrew konnte eh nix mehr passieren, wenn wir nur einen Lauf fahren und er wird überlegen Weltmeister. Auch Nick ist aus meiner Sicht auf einem höheren Level gesegelt als der Rest vom Feld und die beiden haben den Titel unter sich ausgemacht. Mit einer extrem konstanten Serie wird Niklas Edler Dritter.
Ich bin super zufrieden mit dem Gesamterlebnis für diese WM. Viele spannende Rennen, tolle Momente des Erfolgs, spannende Situationen unter hohem Druck, ein gutes Ergebnis und die vielen Gespräche mit netten Leuten aus aller Welt. Ich habe mich gut darauf vorbereitet und meine eigenen Erwartungen erfüllt. Ein bisschen desillusioniert bin ich von der großen Lücke ganz nach vorne. Dass die absoluten Topleute noch mal so viel besser sind, habe ich nicht gedacht. Aber man muss ja auch noch Ziele haben für die nächsten Jahre. Beim Abbauen fällt mir mein gelbes Goldfleet-Bändsel in die Hände und ich habe eine spontane Idee. Ich hole mir den Edding aus der Werkzeugkiste und sammele die Unterschrift von den Top-10-Leuten in der Gesamtwertung ein, als Andenken an meine erste OK- WM.
Am Ende stehe ich super zufrieden bei der Siegerehrung mit den anderen neun vorne und schaue auf die untergehende Sonne an den hohen Felsen. Natürlich schielt man da auch mal in die Mitte auf den Gabentisch und z.B. den Paul Elvstrøm- Preis finde ich schon großartig. „Der macht schon was her“, raune ich Ulli und André neben mir so zu. „Ja, da sollte man schon mal draufgestanden haben als OK Segler“ sagt Budze ganz trocken. Da weißt du Bescheid, bilde dir hier bloß nichts auf deinen Krawattenplatz ein. Das sind so die kleinen Momente aus denen großer Ehrgeiz entstehen kann. In neun Monaten sehen wir uns wieder in Dänemark.
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