WM 2025 Garda – Teil 2

von Stefan Hoffmann 18.01.2026

Anreise und Vermessung
Zur WM reise ich dann etwas später am Freitagabend an, die Boote haben wir da gelassen und so muss ich nur schnell von München mit meinem Dachzelt nach Arco gondeln. Der Brenner ist eh keine Hochgeschwindigkeitsstrecke und man braucht eigentlich immer vier Stunden. Noch bei Innsbruck klingelt das Telefon, ein deutscher OK-Segler am Apparat: „Hast du Blei mit? Ich brauch 450g!“ Da hat der Profi doch glatt vergessen sein Packerl Blei wieder an den Mast zu bappen nach dem Lackieren. Das sind so Aktionen für die eigentlich ich zuständig bin. Ich weiß zwar nicht wie viele Felgen-Ausgleichsgewichte dran glauben mussten aber am Ende hatte er sein Blei.

Gegen 19:00 Uhr komme ich beim Maroadi Camping an und habe den Stellplatz genau neben Bo, der standesgemäß im Kombi schläft und statt Profi-Markise mit der Unterpersenning abspannt. Da steh ich richtig, hat gleich wieder Laserfeeling die Aktion. Gerade als ich vorlaufe zum Restaurant höre ich von der Seite „Eigentlich müsste Stefan genau jetzt ankommen“. Tadaaa, da sitzt die Gang schon am Tisch und hat mir einen Platz freigehalten. Mit den Masten und Blei haben mehrere Segler so ihren Spaß gehabt bei der Vermessung.

Stefan Haage erzählt, ihm hätten 5 Gramm gefehlt. Von André konnte er dann ein 10g-Stück ergattern und noch auf dem Weg zu seinem Mast kommt der Nächste auf ihn zu und braucht auch genau 5g. Treuherzig und gutmütig wie Stefan so ist, schneidet er kurzerhand nach Augenmaß mit dem Taschenmesser die Hälfte ab und reicht wie der heilige St. Martin das kleine Stück an den Bedürftigen weiter. Zurück am Auto legt er seinen kleinen Schatz auf die Waage; 4g! Da kann man schon mal kurz die Fassung verlieren. Aber am Ende des Tages hat jeder seinen Mast vermessen bekommen und ich habe zu mindestens schon mal ein paar gute Geschichten zu hören bekommen, ist ja auch was wert. Morgen bin ich dran mit der Vermessung.

Ich stehe gleich für den ersten Termin Samstagmorgen in der Liste für die Vermessung aber 15min vorher da sein war schon mal deutlich zu spät. Die Schlange war schon recht lang und bis ich allein schon mal die Zettel aus dem Regattabüro bekommen habe war schon fast eine Stunde rum. Danach lief das alles recht geschmeidig, obwohl man bei allen Leuten in der Schlange schon eine Spur Angespanntheit gespürt hat.

Die einzigen, die wirklich völlig cool bleiben sind die Vermesser. Dieses Jahr stehen wohl mal das Mastgewicht und der Abstand des Ruders zum Heck im besonderen Fokus und ein paar wenige müssen da auch noch etwas nachbessern. Bei meinem Kahn passt alles so wie ich ihn von Jan übernommen habe ohne, dass ich da vorher groß was nachkontrolliert habe. Wenn man noch die großen Events im Laser gewohnt war, ist das schon ein wenig aufwendiger mit einer OK aber ich muss ehrlich sagen, ein Drama ist das auch nicht.


Nachmittags kommt noch eine bisschen Ora und die Flotte Süd macht noch mal einen Probeschlag mit etwas angezogener Handbremse. So ganz zufrieden ist mein Trainingspartner nicht mit Höhe und Geschwindigkeit am Wind und wir tauschen noch mal kurz die Boote auf dem Wasser. Tatsächlich fahren wir beide mit meinem Setup etwas höher. Nach ein paar 100m tauschen wir wieder zurück, ich muss von Luv nach Lee wieder auf mein Boot krabbeln, rutsche mit dem Fuß weg beim Abdrücken und knall mit den Unterarmen volle Lotte auf meine Decksklemmen. Im ersten Moment denke ich jetzt habe ich mir den Arm gebrochen, im zweiten Moment, dass die Klemmen hinüber sind. Beides scheint es aber überlebt zu haben. So schnell kann es gehen oder etwas selbstkritischer: Wie blöd kann man eigentlich sein? Das hätte es ganz schnell gewesen sein können mit Segeln für ein paar Wochen. Wieder an Land wird in der Flotte gleich mal die Mastposition um ein paar cm verstellt, keine Höhe geht ja gar nicht! Es ist ja nicht so, dass wir 2 Jahre und 100h Angleichen und Testen hinter uns hätten. Da kann man auch am Tag vor dem ersten WM-Rennen noch mal das ganze Setup über den Haufen werfen.

 

Montag, erster Qualifikationstag
212 Boote gehen an den Start in 3 Feldern. Für den ersten Tag wird nach Weltrangliste eingeteilt und an den folgenden Tagen nach den Vortagesergebnissen. Ich bin dann doch ein bisschen kribbelig und als die Ora kommt, will ich dann auch zeitig raus und mich einsegeln. Das geht auch alles recht problemlos und an den Sliprampen geht es dank der Helfer vom Club auch zügig ins Wasser. Allerdings hätte ich vielleicht mal bei der Steuermannsbesprechung zuhören und mal ans Masttop schauen sollen. Da weht nämlich ein rotes Bändchen, dritter Start, 1h30 Wartezeit nach dem ersten Start. Na gut, dann kann ich mir in Ruhe alle Starts anschauen und viermal hoch und runter fahren, bis es endlich losgeht.

Mit der Seitenwahl sind sich sofort alle einig, Anschlag rechts ist angesagt. Nur für den Weg dahin gibt es unterschiedliche Ansätze. Einige stellen sich früh ganz rechts an und wenden sofort egal wie der Wind steht oder was die anderen machen, andere nutzen eher in der Mitte die durchhängende Linie, um eine Länge vor den anderen rauszukommen und schnell zu wenden. Einige der Top Jungs nutzen aber auch die 5-10 Grad Pin-End-Vorteil in den Starts und fahren ganz in Lee los, um dann gleich zu kippen. Verschieden Wege führen zu top 3 Platzierungen nach der Startkreuz aber man sieht schon ziemlich schnell, mehr rechts mehr gut!

Nach ewiger Wartezeit überhöre ich gleich mal das etwas zarte Ankündigungssignal, bekomme auch den Vierer zu spät mit, bei einer Minute stoppe ich meine Uhr, statt sie zu synchronisieren und vergeige gleich mal den Start. Nach 30 Sekunden fährt mir Nick Craig mit ordentlich Tiefe und Speed oben drüber und die nächsten 20 Minuten kann ich in der dritten Reihe und in den Abwinden aller hinterherfahren. Irgendwie spült es mich noch ungefähr um Position 15 um die Luftonne und mit etwas Luvbogen finde ich eine freie Bahn und ein paar Böen auf dem Vorwind vom Inner-Loop. Unten rutsche ich gerade noch so um Position 6 vor einem Pulk in die Innenposition. Auf der Kreuz geht es wieder etwas nach hinten, denn ich meine besonders schlau zu sein und mal über Links anzugreifen. Mit ein paar Wundern auf den Raumgängen und dem langen Outer-Loop Vorwind springt immerhin noch ein 4ter bei raus. Kann man mit Leben im ersten Rennen denke ich, abgerechnet wird am Schluss.

Das zweite Rennen beginnt ähnlich, etwas zu verhalten gestartet, etwas zu spät und unentschlossen umgelegt und nach ein paar Metern höre ich es schon plätschern. Über mir nutzt Charly Cumbley die Chance mit etwas Querabstand und dem Bug leicht voraus auf „Tief und Schnell“ umzuschalten und brät mir drüber. Dieses Mal sind die Abwinde noch etwas vernichtender und ich muss von noch weiter hinten die Aufholjagd starten. Am Ende reicht es dann noch für einen 6ten. Für Ulli lief der Tag noch etwas besser mit 3 und 6, Jan ist mit 6 und 7 auch dabei und André ist noch mal ein deutliches Ende besser gefahren mit 2 und 3.

Für ganz vorne müssten es aber reihenweise 1te Plätze sein wie sehr schnell klar wird. Andrew und Nick starten mit 1 und 1 in eine lange Serie von ausschließlichen Top-Platzierungen. In der gelben Gruppe teilen sich Niklas und Baabi die Tagessiege. Abends resümiere ich bei einem Tegernseer Hell mit Bo noch ein bisschen unsere ersten Eindrücke. Wir sind beide irgendwie mit dabei aber haben auch schon nach dem ersten Tag einiges liegen lassen. Der Kampf um die Positionen nach rechts ist schon hart und entgegen vielen Meinungen anderer geht es doch nicht immer über Höhe, Höhe, Höhe sondern gezielt tief und schnell fahren ist das taktische Mittel der Wahl. Bo meint neben dem offenen Traveler und einer Hängeposition weiter hinten darf man auch nicht zu viel Schot Spannung geben, wenn man richtig tief braten will. Na, das merke ich mir mal. Wir einigen uns noch drauf, dass wir beide auf jeden Fall noch ein Rennen gewinnen werden.

Dienstag, zweiter Qualifikationstag
Die Ora kommt wieder wie auf Knopfdruck und die Bedingungen sind eine Kopie des ersten Tages. Ich nehme mir vor etwas aggressiver zu starten, der Speed würde reichen für ganz vorne, aber man muss sofort in der ersten Reihe dabei sein. Der erste Start der gelben Gruppe liegt deutlich links bevorteilt, die Pin-end Boote sind auf und davon 30 Sekunden nach dem Start. Das bekommen natürlich auch die Leute in den anderen Feldern mit. Für Blau läuft es noch ähnlich und da die Wartezeit heute kürzer sein soll starten wir auch mit dem roten Fleet recht zügig nach Blau.

Zuerst liegt die Linie auch immer noch links bevorteilt aber als ich 3 Minuten vor dem Start nochmal ein paar Meter am Wind fahre, dreht der Wind 10° Rechts. Ich schau hoch zum Startschiff, alles frei da oben. Ich entschließe mich das Risiko einzugehen, auch wenn alle Top Leute ganz unten am Fass sind. 10 Sekunden nach dem Start kann ich wenden und liege als leewärtigstes Schiff ganz leicht voraus mit dem Bug. Jetzt aber, Traveller raus, Schot ein bisschen auf. Die Sicherung klingt aus und der Tasmanische Teufel in meinem Kopf bricht aus. Für Minuten bekomme ich nichts mehr um mich herum mit. Als ich das nächste Mal hochschaue, sind sie alle weg. Nur noch Andy Davis ist mit etwas Querabstand in meiner Nähe, liegt aber 50m zurück. Mir ist sofort klar, die sehen mich nicht wieder. Jetzt noch die Layline halbwegs treffen und nach einem guten ersten Vorwind kann nichts mehr schief gehen. Für mich ist das ein Wahnsinns Gefühl vor so einem Feld her zu fahren und mit einem sicheren Vorsprung kann ich mein erstes WM Rennen gewinnen.

Im zweiten Rennen gelingt mir eigentlich auch ein schöner Start in der Mitte, aber ich verschätze mich bei der Layline und fahre nicht weit genug nach rechts rein. Eigentlich komme ich genau an der Luftonne raus aber ein großer Pulk kann mich trotz Überhöhe auf dem Weg zur Tonne überholen und ich fahre den ersten schlechten Vorwind der Regatta. So schnell kann es gehen und so minimal können die Unterschiede sein. Statt noch einem Top 3 Platz fahre ich nur einen 7ten. Trotz dem kleinen Rückschlag im zweiten Rennen überwiegt für mich die Freude an dem Tag und von überall aus dem Feld kommen die Glückwünsche. Ulli und Jan erwischt es mit dem ersten etwas schlechteren Rennen aber André fährt wie in einer Kopie vom ersten Tag wieder 2 und 3, kannst nix machen. Langsam beginne ich mich so Richtung top 10 in der Gesamtwertung zu bewegen und einen richtig dicken Streicher habe ich noch nicht. Unter den Top 4 hagelt es aber wieder Tagessiege und der Abstand wird immer größer.

Mittwoch, dritter Qualifikationstag
Die Ora kommt einen kleinen Tick später, dann aber sogar etwas stärker. An das erste Rennen erinnere mich  gar nicht mehr so genau an dem Tag. Ich bin das erste Mal in der blauen Gruppe mit Charly und Niklas und nach einem durchschnittlichen Start stecke ich irgendwo um den 10en Platz rum fest. Auf dem langen Outer-Loop Vorwind geht es eng zu und die ersten 4 sind weit weg. Dieses Mal halse ich früh und fahre das erste Mal auf Steuerbordbug über die linke Seite Richtung Seemitte. Das läuft anscheinend und ich kann den Pulk um mich herum abschütteln. Ganz vorne war die Messe gelesen aber für einen 5ten reicht es noch. Im zweiten Rennen fahre ich weiter links los und finde den richtigen Moment zum Wenden. Mit einem etwas besseren Timing auf der Lay-Line hätte es auch der zweite Platz sein können nach der Startkreuz aber schon wieder schrubbt mir ein Pulk oben drüber mit Überhöhe. Auf der zweiten Kreuz das gleiche Spiel und wieder nicht weit genug über die Anliegelinie gefahren. Einige Boote haben mich überholt und ich bin nur noch 8ter. In mir kocht die Wut hoch, wie blöd kann man eigentlich sein? Fährst du deine erste Regatta oder sind da noch Hirnzellen unter der Glatze?

Die Wut löst wohl wieder den Sicherungsschalter für die Käfigtür meines Tasmanischen Teufels aus und als ich mich das nächste Mal umschaue, ist der letzte Vorwind schon fast vorbei und ich bin Zweiter. Mit wieder eingelegter Sicherung bekommt mich Charly fast noch, aber ich kann gerade so die Innenüberlappung noch auflösen und auf dem letzten Raumgang meinen Bug vorne behalten. In der Summe mein bester Tag bis jetzt und ich mache mir leichte Hoffnung in der Gesamtwertung noch ein bisschen nach vorne geklettert zu sein aber alle um mich herum sind ähnlich gefahren. Ulli hat mit 2 und 3 den besten Tag der ganzen Serie hingelegt, André ist auch exakt 5 und 2 gefahren und auch auf Baabi oder Bo ist kein Punkt aufzuholen. Ganz vorne werden weiter in Serie die Tagessiege rausgehauen und Andrew und Nick sind in einer völlig anderen Liga unterwegs. Auch die Konstanz von Niklas Edler, Charly Cumbley oder Matt Howard ist für mich unerreichbar. Aber ich gehe auf einem Top 10 Platz in die Finalserie. Morgen wird groß gewürfelt denke ich mir noch, da geht noch was.

Fortsetzung folgt